Open Success

posted by PP on 2009/03/31 11:47

[ Open Content | Access ]

Wie kürzlich angedeutet (cf. auch hier), bedarf es ho. noch der Platzierung einiger Hinweise auf den seit nunmehr eineinhalb Monate und länger schwelenden, die Zugangsweisen zu Open Access thematisierenden Konflikt in vornehmlich deutschen Foren. In dieser Auseinandersetzung werden Weblogs kaum als Archive des "schwebenden Urteils" [.pdf] aufgefasst, sondern eilfertig als Instrumentarien des Schnitzhandwerks verstanden, das insbesondere dazu dienlich scheint, den Gegner zu Kleinholz zu machen. Natürlich begann das nicht damit, dass ...

... Roland Reuß Con Crema sich der OA-Problematik annahm (damit auch in der FAZ nachlegte) und Open Access schlankweg als Form der Enteignung deklarierte (cf. auch seinen Beitrag in der FR). Aus seiner Sicht durchaus verständlich, denn sieht man sich etwa die fabelhaften Kleist-, Kafka-, Walser-, Keller-, Hebel-, Trakl- und Hölderlin-Ausgaben an, die bei Stroemfeld - und teilweise in Kooperation mit dem Institut für Textkritik (ITK) - herauskommen, muss man sich dessen gewahr werden, dass derartige Produktionen nach derzeitigem Stand ausschließlich im Druck und auf der Basis von Subskriptionen denkbar sind (in aller Kürze und beispielhaft: die DFG will für die HKA Kafkas nichts zahlen - cf. 1, 2, 3, 4, 5, 6 -, fördert vielmehr das editionsphilologisch etwas sehr eilig zusammengeschusterte Projekt des natürlich finanziell schröcklich unterdotierten Fischer Verlags - woher soll dann das Geld kommen?). Gewiss ist eine elektronisch und frei zugängliche Version davon wünschenswert, doch sind Äpfel noch nicht zwingend Birnen, nur weil sie so genannt werden - und gibt es ohne die Verkaufbarkeit derartiger Editionsprojekte selbige eben nicht mehr. Skylla und Charybdis, ja eh.

Nun geriet dieser Umstand für sich jedoch etwas ins Hintertreffen und ward allsogleich in die Vollen gegriffen - so, als ginge es ganz grundsätzlich um die Entscheidung für oder gegen OA. Gudrun Gersmann legte, ebenfalls in der FAZ, jedenfalls ihr entsprechendes Statement vor und fragte sich: Wer hat Angst vor Open Access? Roland Reuß hatte darauf seine Antwort parat - und der durchaus nicht unvorbereitete Appell "Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte" machte auch seine Runde. Ab jetzt ging es so richtig los.

Klaus Graf, Archivar aus Aachen und Betreiber von Archivalia, flickte Reuß nicht bloß am Zeug (z.B.: 1, 2 und ansonsten passim), sondern erwies sich vermittels formvollendeter Blutgrätschen als Robert Pecl (Ö) / Vinnie Jones (GB) / Norbert Siegmann (D) der OA-Szene. Dass Peter Suber ebenfalls zu eins, zwei, drei Länderspieleinsätzen kam, war da auf Grund entsprechender transatlantischer Verbindungen im Kampf um die gemeinsame Sache nicht mehr verwunderlich.

Ben Kaden nahm sich ebenfalls der Debatte an und wies u.a. darauf hin, dass sich hier zwei Lager gegenüberstehen:
Denn die Schlacht, die hier eigentlich geschlagen wird, ist die analog ausgerichteter Eliten, welche das Vertrauen in sich selber verlieren, gegen eine zukunftseuphorische Digitalkultur. Das die Welt ein besserer Ort ist, weil alle Bücher und Forschungsergebnisse permanent und überall online gelesen werden können ist eine genauso unsinnige Vorstellung, wie, dass ein starres Beharren auf dem Status Quo des Publikationswesens gegen die technischen Möglichkeiten rigoros zu verteidigen sei.
Eine Position, die er ao. nochmals verdeutlichte. Hinzuweisen ist auch auf Eric Steinhauers Kommentar zu Urheberrecht und der "Heidelberger Leimrute", wie er den Appell aus dem ITK einstufte. Und schließlich ist auch Matthias Spielmanns Zusammenfassung des Diskussionsstandes wie Einbringung seiner Argumentation beim Perlentaucher durchaus mancher Erwähnung wert. Spielkamp liegt völlig richtig (dies durchaus pro domo gesprochen, denn nicht zuletzt deshalb gibt es eine Plattform wie Kakanien revisited, die übrigens nunmehr auch schon acht Jahre in Diensten steht), wenn er darauf hinweist:
Dabei muss man wissen, dass die Open-Access-Bewegung in den Wissenschaften aus einer Not heraus entstanden war - und einer paradoxen Situation, die nicht im Sinne irgendwelcher Urheber war und ist. Wissenschaftler, vor allem in den so genannten STM-Disziplinen - Science, Technology, Medicine - erwerben wissenschaftliches Renommee in erster Linie durch Publikationen in Science Journals, Wissenschaftszeitschriften. Diese Zeitschriften erscheinen in zum Teil weltweit operierenden, oft börsennotierten Verlagen, wie dem Springer Wissenschaftsverlag in Heidelberg (der mit der Axel Springer AG nichts zu tun hat) oder Reed Elsevier, einem britisch-niederländischen Konzern. [/] Um in Zeitschriften solcher Verlage zu veröffentlichen, müssen Wissenschaftler in vielen Fällen den Verlagen die exklusiven Nutzungsrechte an ihren Artikeln abtreten. Das bedeutet, dass sie ihre eigenen Beiträge anschließend nicht mehr an anderer Stelle veröffentlichen dürfen, weder auf der eigenen Website noch der ihrer Universität. Ein Honorar erhalten sie dafür nicht; im Gegenteil, die Peer Review, also die Begutachtung der Forschungsergebnisse, übernehmen Wissenschaftler ebenfalls ehrenamtlich, also in den meisten Fällen auf Kosten ihrer Arbeitgeber. Also auf Kosten der Steuerzahler, wenn sie an öffentlich geförderten Institutionen arbeiten, wie etwa Universitäten. Der Steuerzahler zahlt, der Konzern schreibt Gewinne: Wer enteignet hier wen?
Und er hat auch damit Recht, dass man die Google-Books (GB)-Debatte keinesfalls mit jener über Open Access (OA) vermischen dürfe. Doch wollen wir genausowenig übersehen, dass auch Google börsennotiert ist, Gewinne machen möchte und nicht zwangsläufig der nette Kollege in der Garage nebenan ist, der kostenlos ein paar Kartoffeldrucke anfertigt und dann an der nächsten Kreuzung kostenfrei verteilt. Googles Geschäftsmodell ist eines (und der technologische Unterschied zwischen dem Buchmachen an sich und der vernetzten Ablage von Dokumenten auf Serverfarmen ist hier ein kategorialer), bei dem erkannt wurde, dass das sprichwörtliche Kleinvieh auf die Dauer verdammt viel goldenen Mist zu machen imstande ist. Folglich: Kleinanzeigen, ein paar Prozente da, ein kleines Prozenterl dort - die Summierung all dieser Beiträge macht den Reibach aus. Sie waren die ersten, sie hatten die passenden Algorithmen und das richtige Modell, sie sind die Größten. Fakt. Und keinesfalls soll nun, meine ich, die OA-Bewegung mit ihrem grundsätzlich so richtigen Ansatz damit in eins gebracht werden. Kurz: Es braucht zwingend das richtige OA-Modell, v.a. für den wissenschaftlichen Bereich ist dies ein Desiderat. Ein solches Modell wird wahrscheinlich nur unabhängig von privaten Interessen durchzusetzen sein und Repositories an Universitäten, National- und Staatsbibliotheken etc. wären ein Teil davon. Ein anderer: Aus dem Spannungsfeld von Produktion und Rezeption (wie es für die Buch im eigentlichen Sinne Machenden besteht) einerseits sowie dem Flusskraftwerk von Produktion-Rezeption-Distribution (wie es bei elektronischen Medien in Verbindung mit tauglichen Netzen gegeben ist) jene Energie ab- bzw. umzuleiten, die es ermöglicht, dass sowohl ein Raum für die hochqualitative Buchproduktion bleibt (ohne dem - ja, der ist auch ein ökonomisch zu umreißender! - es diverse Publikationsreihen wie bspw. jene des Stroemfeld-Verlags, aber auch an die Bücher von Brinkmann& Bose und andere Qualitätsverlage sei erinnert, ganz einfach nicht geben wird), als auch den wissenschaftlichen Veröffentlichungsbedürfnissen fach- wie sachgerecht Raum gegeben wird. Wer die Verlage und ihre VerlegerInnen nicht benötigt, die sich an entsprechend aufwendige Produktionen wagen: gut, der/die hat kein Problem. Und wird in ihrer/seiner Wissenschaftspolitik von wahnwitzigen Fördermodelle von DFG und FWF nachgeradezu unterstützt (dort hat man den Kampf aufgegeben, ohne ein vernünftiges und kostengünstiges eigenes Modell zu entwickeln: man schmeißt lieber gleich Steuergelder in enormem Ausmaß den von Spielkamp genannten und ähnlich situierten Unternehmen nach, damit ja die armen Wissenschaftern kapitalisierten Vorstellungen von "richtiger Wissenschaft", die "noch etwas wert" ist, bloß nicht nach wissenschaftlichen Kriterien wie freier Forschung und Lehre und der Mitteilung davon, nachkommen dürfen - hurra, publish or perish im neuen Gewand, jetzt noch teurer!). Aber letztlich sind auch sie in der bislang von niemandem aufgelösten Zwickmühle: Gedruckte Publikationen und online frei zugängliche Publikationen müssen im Rahmen eines ergänzenden Zugangs möglich sein. Daraus leiten sich einige Forderungen ab, die Debatte um OA, GB, Print vs. Online etc. muss also endlich auch:
  • konzentriert die Frage nach der Qualität an sich stellen;
  • ein auf öffentlichen Institutionen basierendes (und dennoch funktionierendes) Publikationsmodell für OA ermöglichen (ergänzend zu der Vielzahl an hervorragenden Einzelinitiativen auch internationalen Zuschnitts, die es zu unterstützen gilt);
  • zwischen Print und online als nicht nur medientheoretisch und -geschichtlich fundamental anders aufgebauten Publikationsmodellen unterscheiden lernen (und Archivgut: nochmals eine andere Baustelle);
  • die unterschiedlichen Formen von Wissenschaften und ihren spezifischen Kulturen deutlich machen (Schlagworte gefällig? Natur- und technische Wissenschaften vs. Geistes-/Sozial-/Kulturwissenschaften), die nichts anderes als zum Schaden derer selbst existieren und als heilige Kühe durchgefüttert werden. Mit Krampf, mit immer weniger Futter, aber irgendwie geht’s schon noch...
Digitalität bzw. und hier konkret digital unterstützte Wissenschaft muss zwingend mit den Fragen einer klugen und dem Gegenstand sowohl dienlichen als auch gerecht werdenden Druckpolitik enggeführt werden, gerade der medial kategoriale Unterschied ist der immens große Vorteil, um den sich alle bringen, die nur der einen oder ausschließlich der anderen Seite zuarbeiten und sich zugehörig fühlen. Ben Kaden hat in seinen zwei oben verlinkten Beiträgen auf sehr viel Richtiges hingewiesen, u.a. darauf, dass kühlen Kopf zu bewahren insgesamt für alle Beteiligten zweckdienlich ist. Das ruhige Abwägen der Argumente. Vielleicht lässt sich dann für alle beteiligten unterschreiben, dass und welch enormen Nutzen OA hat - und dass und welche enormen Nutzen analoge Eliten haben, deren Produktionsformen ebenso ihren Raum und ihre Möglichkeiten brauchen wie das Recht auf eine (halbwegs... weitgehend unkapitalisierte Form der Publikation von Gebrauchstexten. Kommt es am Ende dahin: Da Primärliteratur, dort Sekundärliteratur? So einfach wie diese Unterscheidung als Schlagwort zu missbrauchen wird es nicht. Jedenfalls wäre es unübersehbar an der Zeit, dass die Publikationsphobien diverser analoger Eliten (und damit meine ich bspw. keinesfalls den sich des elektronischen Mediums intensiv bedienenden Roland Reuß, sondern vielmehr jene tatsächlich des elitären Dünkels gern sich begebende Privilegierte an Universitäten und Akademien, die immer noch glauben, dass allein der Heftchendruck ihre kulturelle Hegemonie zu wahren vermag) und die Überlegenheitsgefühle der digital versierten Vernetzungsspezialisten nicht allein über das wechselseitige Abtauschen je unterschiedlicher Konfliktkulturen zu einer "Diskussion" gebracht werden, um schlussendlich das sich wechselseitig ergänzende Auslangen zu finden. Oder geht es wirklich um zu eliminierende Gegner? Denn, um Roland A. Gehring auf Golem zu zitieren, es dürfte doch so schwierig nun auch wieder nicht sein:
Hier prallen kulturell geprägte Wertvorstellungen vom Charakter und der Bedeutung von Wissen und Kulturgütern aufeinander. Das gegenwärtige Urheberrechtsregime genügt den Vorstellungen beider Seiten nicht mehr. Google schafft derweil Fakten.
Und zählt das Geld. Andere zählen derweilen die Hits und Unique Visits ihrer Blogs.

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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